Degerndorf und das Rätsel um die Maria-Dank-Kapelle

Als klassische Sehenswürdigkeit würde einem selbst in München nicht spontan Degerndorf und seine kleine Kapelle abseits am Hügel einfallen, die meisten wüssten vermutlich nicht mal, wo dieses winzige Kaff eigentlich liegt – aber zu Unrecht. Zumal die Geschichte von München und Degerndorf seit dem Zweiten Weltkrieg sogar eng miteinander verknüpft ist und die unscheinbare Maria-Dank-Kapelle steht quasi als Symbol für die verflochtene Vergangenheit, die verheerend für München verlief, aber äußerst glücklich für Degerndorf. Die Hintergründe hierzu könnt Ihr hier in diesem Beitrag lesen.

Doch bleiben wir noch kurz in der Gegenwart von Degerndorf. Der Ort liegt knapp 40 Kilometer südlich von München im Alpenvorland und gehört zur Gemeinde Münsing im oberbayrischen Landkreis Bad Tölz – Wolfratshausen. Das Fleckchen Erde gehört also zu jenem Gebiet, auf dem Christian Tramitz (Der Schuh des Manitu, Comedy-Show Bullyparade) und Helmfried von Lüttichau (TV-Serie Der letzte Bulle, Comedy-Serie Tramitz and Friends) alias Hubert und Staller aus der ARD-Serie Heiter bis tödlich ihre Mordfälle lösen und Kaffeepausen verbringen. Auch der oftmals in die Handlung eingebundene Starnberger See liegt von hier aus in Blickweite. Degerndorf ist zudem gesegnet mit meist frischer Landluft sowie herrlichen Wanderwegen in den Wäldern und vorbei an kleineren Weihern und Tümpeln. Vor allem der Degerndorfer Weiher dient im Sommer als Erfrischungsbad und im Winter (sofern einmal wirklich Winter herrscht) als Eisstock- und Schlittschuh-Arena. Der Höhepunkt im wahrsten Sinne des Wortes sollte in Degerndorf stets der Gang auf den knapp 720 Meter hohen Aussichtspunkt

sein. Keine Angst, die 720 Höhenmeter muss man nicht komplett bezwingen, um den Gipfel zu stürmen, denn Degerndorf selbst liegt schon rund 680 Meter über dem Meeresspiegel. Der vergossene Schweiß nach dem Gipfelsturm und den 40 Höhenmetern sollte das benutzte Deo also kaum ins Schwitzen bringen. Oben angekommen wird der Wandersmann belohnt mit einer herrlichen Aussicht bis zum Starnberger See und einem traumhaften Alpenpanorama. Und dann steht dort oben auf dem Fürst-Tegernberg ja noch die eigentliche Sehenswürdigkeit von Degerndorf: die Maria-Dank-Kapelle.

Degerndorf im Zweiten Weltkrieg – ein Märchen von Glück, Dusel und reichlich Massel

Normalerweise war es im Krieg ja ein Glück, ein unbedeutendes Dorf irgendwo im Nirgendwo zu sein, damit hielt sich das Interesse der feindlichen Bomber zum Werfen ihrer tödlichen Fracht meist in Grenzen. Wenngleich, ganz sicher durfte man sich dennoch nie fühlen. Denn wenn ein Bomber einmal angeschossen oder die Besatzung seiner Sprengkörper aus sonstigen Gründen überdrüssig war, machten sie einen so genannten Notabwurf – man warf die Bomben mehr oder weniger blind ab. Vor allem die Gegenden im Münchner Süden und rund um Wolfratshausen waren so unter einem – wenn auch ungezielten – Dauerbombardement. Und somit lebte man auch in Degerndorf in ständiger Angst. Nicht das auch nur ein Alliierter etwas von dem Kaff gewollt hätte, hier stand weder irgendeine strategisch bedeutende Fabrik noch gab es zu besiegende Männer. Ende 1944 lebten neben Frauen und 60 Kinder gerade mal sechs Männer in Degerndorf, zwei davon waren der Bürgermeister Georg Bolzmacher sowie der Pfarrer Betzinger.

Das Pech von Degerndorf war jedoch die für Alliierte höchst bombardierenswerte Nachbarschaft. Denn östlich von Degerndorf liegen Geretsried und Wolfratshausen, wo im Zweiten Weltkrieg emsig Munition hergestellt wurde. So gingen am 22. November 1944 zwischen Degerndorf und Bolzwang 20 fehlgeleitete Bomben nieder, die glücklicherweise fast alle draußen auf den Feldern hochgingen und dort mit einem ungeheuren Knall zehn Meter tiefe Krater in den Boden rissen. Lediglich die einzige Straße zwischen Degerndorf und Bolzwang bekam einen Volltreffer ab, dem Ort selbst wurde kein Ast gekrümmt.

Avro Lancaster - britische Bomber beim Abwurf ihrer tödlichen Fracht - © Wikipedia
Avro Lancaster – britische Bomber beim Abwurf ihrer tödlichen Fracht – © Wikipedia

Noch mehr als die Munitionsfabriken in Geretsried und Wolfratshausen lockte jedoch die Landeshauptstadt München als „Hauptstadt der Bewegung“ alliierte Bomber an und Degerndorf lag direkt in der Ein- und Ausflugsschneise. Allein das laute Dröhnen der Motoren jagte einem als potentielles Opfer am Boden die pure Angst ins Gebein. So war es auch am 17. Dezember 1944, als sich gegen 22:15 Uhr 180 Bomber der Royal Air Force auf dem Rückweg befanden. An jenem Abend legten die alliierten Flieger die komplette Münchner Innenstadt in Schutt und Asche – abgesehen von ein paar brennenden Ruinen war München dem Erdboden gleichgemacht…

Von den 180 Maschinen sollten jedoch nur 179 wieder nach Hause kommen. Eines der Flugzeuge, eine britische Lancaster, wurde bei dem Angriff über München von einer Flak angeschossen. Zusätzlich löste wohl (laut Aussage von Sgt. Joce) der Blitz eines Fotoapparats noch während der Bombardierung auf München eine Explosion im Flugzeug selbst aus. Und so flog die Avro Lancaster des Typs Mk.III (Seriennummer: LM729, Kennung: QR-V) als lodernder Feuerball direkt auf Degerndorf zu. Die Degerndorfer befürchteten, dass die Maschine direkt über ihren Häusern abstürzen und somit viele Opfer fordern würde. Dabei wussten die Bewohner zu dem Zeitpunkt das Schlimmste noch gar nicht, denn die Maschine war noch üppig beladen mit flüssigem Phosphor und etlichen Brandbomben, die hätten Degerndorf mehrfach in ein Flammenmeer verwandeln können.

Das Glück blieb Degerndorf und seinen Einwohnern treu. Noch bevor die brennende Lancaster endgültig abstürzte, explodierte sie in der Luft – wenige hunderte Meter vor dem Dorf. Die Explosion ließ glühende Flugzeugteile kilometerweit zerstreuen, manche der glühenden Teile schossen in den Degerndorfer Weiher und verabschiedeten sich mit lauten Zischgeräuschen. Außerhalb sah man den Phosphor im Himmel brennen und herunterprasseln, ringsherum brannten die Felder lichterloh, doch in Degerndorf selbst kam niemand zu schaden, noch nicht mal Fenster oder Dachziegel gingen zu Bruch.

Der Soldat Charles Samuel Joce – der Feind in meinem Feld

Avro Lancaster - britische Bomber in loser Formation - © Wikipedia
Avro Lancaster – britische Bomber in loser Formation – © Wikipedia

In der Maschine saßen sieben Besatzungsmitglieder der Royal Air Force, von denen sich nur der Heckschütze Sergeant Charles Samuel Joce mit dem Fallschirm retten konnte. Sein Glück war vermutlich, dass er im Flugzeug ganz hinten saß. Die sechs anderen Soldaten fanden die Degerndorfer tot an der Absturzstelle, wo sie tiefe Furchen in den gefrorenen Boden schlugen. Charles Samuel Joce selbst irrte die ganze Nacht umher, nach Hilfe suchend und mit schweren Verbrennungen am Körper. Am Tag danach lief er schließlich den Degerndorfern in die Hände, die ihn erst mal zum damaligen Bürgermeister Georg Bolzmacher brachten.

Nach der Erleichterung, dass in jener Schreckensnacht nochmal alles gut für Degerndorf endete, hatte Bürgermeister Georg Bolzmacher sieben neue Probleme: sechs feindliche Leichen und einen verletzten Kriegsgefangenen. Ehe sich der Bürgermeister versah, rief bereits ein überängstlicher Einwohner bei der Polizei in Wolfratshausen an, um den feindlichen Engländer abholen zu lassen. Die Beamten in Wolfratshausen wollten mit der Angelegenheit jedoch nichts zu tun haben und gaben lediglich eine selbst für Kriegszeiten sehr pragmatische Empfehlung ab: „Daschlagts’n glei, dann hamma koane Scherereien mit erm“ (zu deutsch: „Erschlagt ihn gleich, dann haben wir keinen Ärger mit ihm.“). Die Degerndorfer erschlugen Charles Samuel Joce nicht. Im Gegenteil, sie versorgten den Engländer medizinisch und päppelten ihn mehrere Tage lang wieder auf. Die sechs Leichen sollten die Degerndorfer auf Geheiß der NSDAP namenlos im Wald verscharren. Doch auch diese Anweisung der Nazis ging den Einheimischen gegen den Strich. Da man die Namen der Gefallenen aufgrund ihrer Hundemarken identifizieren konnte, stiftete man ihnen jeweils ein eigenes Kreuz mitsamt Namen auf dem hiesigen Friedhofsgelände. Ihre Namen lauteten demnach Edward Roy Newland, Ronald William Bennett, David Thomson Muir, Percy Barlow, Hilton Alfred Hales und Herbert Alfred Tuck. Charles Samuel Joce wird nach einigen Tagen schließlich am Bahnhof in Wolfratshausen vom deutschen Militär abgeholt, gerät aber wegen seiner Verletzungen nicht ins Kriegsgefangenenlager, sondern in ein Krankenhaus.

Erbaut als Dank für die Unversehrtheit im Zweiten Weltkrieg: die Maria-Dank-Kapelle

Ob ein Münchner, der durch einen Angriff der alliierten Bomber vielleicht seine Familie oder seine Wohnung oder gar alles verloren hatte, ebenfalls solchen Großmut gezeigt hätte, bleibt dahingestellt. Für die Degerndorfer sollte sich jene edle Geste aber bald auszahlen. Denn als nach Kriegsende die Amerikaner plündernd durch das Land zogen, kamen sie irgendwann schließlich in Degerndorf an. Und obwohl die Amis heute als Befreier des deutschen Volkes aus den Klauen der Nazis gelten, die normalen US-Soldaten lebten ihrer Siegerrolle vor allem als Eroberer im Feindesland, mit sämtlichen grausamen Nebenwirkungen für die „Befreiten“. Doch in Degerndorf erfuhren die G.I.s von dem Vorfall mit dem britischen Bomber und der respektvollen Umgangsweise mit den Leichen und dem überlebenden Kriegsgefangenen Sergeant Charles Samuel Joce. Aus Dank dafür verschonten die Amerikaner Degerndorf und gaben den ausdrücklichen Befehl, das Dorf nicht zu plündern. Der schmutzige Kelch des Krieges ging wieder einmal an den Degerndorfern vorbei.

Während der Bombardements rund um Degerndorf entstand das Gelübde, das man zu Ehren Marias eine Kapelle an den schönsten Fleck von Degerndorf erbauen würde, wenn der Krieg für den Ort ein gutes Ende nehmen würde. Die heilige Maria hielt tatsächlich bis Kriegsende und sogar darüber hinaus ihre schützende Hand über das bayrische Dorf. Und so begannen bereits ein Jahr nach Kriegsende die Planungen für die Maria-Dank-Kapelle auf dem Fürst-Tegernberg. Das Baumaterial holten sich die Dorfburschen weitgehend aus den zerbombten Trümmern und Ruinen aus München. Die gewonnenen Ziegelsteine klopfte man feinsäuberlich ab und brachte sie wieder in eine brauchbare Form. Die restlichen Materialien wie Zement oder Nägel holten sich die Bauherren mit Tauschgeschäften. Am 23. Mai 1948 durfte dann ganz Degerndorf der feierlichen Einweihung der Maria-Dank-Kapelle auf dem Fürst-Tegernberg beiwohnen. Seit dem zelebrieren die Degerndorfer an jedem 13. eines Monats von Mai bis Oktober eine Dankesprozession. Übrigens kehrte auch Sgt. Charles Samuel Joce in den 1950ern noch einmal aus Dankbarkeit zu seinen Rettern nach Degerndorf zurück – zurück an den Ort, an dem man ihn als „Feind“ freundlich aufnahm.

© Andy Ilmberger

2 thoughts on “Degerndorf und das Rätsel um die Maria-Dank-Kapelle”

  1. Ich besuche diesen magischen Ort immer wieder sehr gerne und bin jedesmal ergriffen von dieser Historie und der schönen Landschaft. Dieses humanitäre Beispiel der Degerndorfer sollte viel öfter publik gemacht werden gerade in unserer Zeit.
    Mit vielen lieben Grüßen an den Verfasser dieses wunderschönen Beitrags.

    1. Lieber Namensvetter,
      ich stimme Dir in allen Punkten zu… und vielen Dank für Deinen schönen Kommentar! 🙂
      Liebe Grüße, Andy Ilmberger

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