Endstation Berlin Köpenick im Gefängnis

Wandelt man durch die engen gespenstischen Gänge und Zellen im alten Gefängnis zu Berlin Köpenick, braucht es wenig Vorstellungskraft, um zu erahnen, dass dies hier ein Ort des Leidens und Grauens war. Fertiggestellt wurde der Gefängnistrakt beim Amtsgericht Köpenick anno 1901 von den Preußen als gesicherte Herberge für Untersuchungs-Häftlinge. Die Anlage bot rund 55 vermeintlichen Gesetzesuntreuen eine neue Heimat, neun Zellen waren davon für Frauen reserviert. Die Zellen waren allesamt sehr dunkel, als Bett diente eine Holzpritsche, die runtergeklappt den Großteil des Raumes einnahm, eine Heizung fehlte zunächst ganz, für die Notdurft musste ein Eimer ausreichen.

All das klingt wirklich nicht sonderlich einladend. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die normale Wohnsituation in den deutschen Städten bei der Arbeiterschicht noch viel übler war. Kleinste Wohnungen waren aufgrund horrender Mietpreise von mehreren Familien gleichzeitig belegt. Hinzu kamen oft noch Schlafgänger, die das Bett unter Tags anmieteten um nachts zu arbeiten. Zudem waren die Wohnungen oft feucht, unbeheizt und vom Schimmel jeglicher Farbe befallen. Toiletten gab es mit viel Glück im Treppenhaus, oft auch nur im Hinterhof. Fließende Gewässer durch die Städte dienten gleichzeitig als Fäkal-Entsorgung sowie als Trinkwasserquelle, oft landete der Dreck auch einfach auf der Straße.

Es ging in den Städten eigentlich zu wie im dunklen Mittelalter, nur eben mit Industrialisierung. Das trifft auch auf die hygienischen Umstände zu. Anstatt der Pest raffte während der Industrialisierung die Lungentuberkulose bzw. Schwindsucht bis zu einem Drittel der Stadtbevölkerung dahin, dazu gesellte sich dann gerne noch die Cholera. Wer weiß, vielleicht wirkte für so manchen Arbeiter ein Aufenthalt im Knast wie ein Erholungsheim – mit eigenem Zimmer, eigener Pritsche und einem eigenen Eimer.

Köpenicker Blutwoche – die NS-Zeit im Gefängnis Köpenick

Zum Beschönigen gibt es in dem Gemäuer mit schwedischen Gardinen dennoch nichts. Spätestens mit der Machtübernahme der Nazis 1933 verlor das Gefängnis Köpenick seine Unschuld. Denn es kam im Juni 1933 zu der berüchtigten Köpenicker Blutwoche durch die SA (Sturmabteilung). Die „Bluthunde“ der NSDAP trieben damals Hunderte Köpenicker zusammen, welche die neue braune Gesinnung im Lande nicht teilen wollten – allen voran Juden und Kommunisten.

All das passierte auf offener Straße vor den Augen der Bevölkerung und Polizei, keiner von ihnen wollte gegen die neuen Herrenmenschen aufbegehren. Endstation für die zusammengetriebenen Ungläubigen war das Gefängnis Köpenick, wo sie gefoltert und teilweise sogar hingerichtet wurden – die Geschichtsschreibung spricht von 23 Toten. An die Geschehnisse erinnert heute eine Gedenkstätte in einem Nebentrakt.  

Das Gefängnis Köpenick in der DDR

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die DDR bzw. die STASI das Gefängnis unter seiner Fuchtel. Bis 1964 verwahrte die Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik überwiegend Volksverräter, Fluchtwillige und unzähmbare Jugendliche auf. An der Ausstattung der Zellen hatte sich bis auf ein paar Heizkörper allerdings nichts verändert. So waren die Haftbedingungen im Köpenicker Gefängnis selbst für STASI-Verhältnisse nicht mehr zeitgemäß.

Ein paar Jahre nutze das DDR-Fernsehen die Räumlichkeiten als Schneiderei und zur Aufbewahrung für ihre Kostüme, weil die dunklen Räume den wertvollen Stoff vor Sonnenlicht schützten. Nach dem DDR-Fernsehen war für das Gefängnis Köpenick endgültig Programmschluss – es mutierte zu einem Lost Place.

© Andy Ilmberger

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