Lost Place in München – der Geisterbahnhof München Olympiastadion

Die XX. Olympischen Sommerspiele fanden 1972 bekanntlich in München statt. München erntete mit diesem Mega-Sportevent zunächst weltweite Anerkennung als stets gut organisierter und allseits fröhlicher Ausrichter der Spiele. Allerdings bekamen die zunächst so heiteren Olympischen Spiele einen herben Dämpfer, als am 5. September 1972 eine palästinensische Terrororganisation namens Schwarzer September ins Olympische Dorf eindrang und dort elf israelische Sportler als Geiseln nahm… nach einer überstürzten Befreiungsaktion in München und einem blutigen Showdown am Militärflughafen von Fürstenfeldbruck kamen alle elf israelischen Delegationsmitglieder sowie fünf Terroristen und ein deutscher Polizist ums Leben. Soviel zum traurigen Teil der XX. Olympischen Sommerspiele 1972 in München.

Für die Münchner Bürger selbst hatten die Olympischen Spiele einen sehr bedeutenden Nebeneffekt, der vor allem im Nachhinein deutlich mehr wiegt als Goldmedaillen und das Gefühl, für zwei Wochen der Nabel der Welt zu sein: nämlich die Münchner U-Bahn und der Ausbau des S-Bahnnetzes. Erste Planungen zu einem unterirdischen Nahverkehr gab es in München bereits 1905, damals schien der Aufwand jedoch nicht im Verhältnis zum Verkehrsaufkommen der Stadt zu stehen – München zählte damals auch lediglich eine halbe Million Einwohner. Doch die Pläne für eine U-Bahn ploppten immer wieder auf. 1928 machte dann die Weltwirtschaftskrise einen Strich durch die Rechnung, Anfang der 1940er Jahre im Dritten Reich waren einige U-Bahn-Tunnel bereits im Rohbau fertig, ehe die Luftangriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg wieder alles zum Einsturz brachten. In den 1950ern fehlte trotz Wirtschaftswunder schlichtweg das Geld für so ein kostspieliges Tunnelprojekt. Doch München wuchs rasant, wurde um 1958 zur Millionenstadt und entsprechend chaotisch waren die Verkehrsbedingungen in der Münchner Innenstadt. Doch trotz des vorherrschenden Verkehrschaos wären die Pläne zum Münchner Nahverkehr vermutlich noch ewig vor sich hin gedümpelt, wenn… ja wenn da nicht jener 26. April 1966 gewesen wäre. An jenem Tag vergab nämlich das IOC (Internationales Olympisches Komitee) die XX. Olympischen Sommerspiele 1972 nach München. Von nun an war auch den sparsamen Stadtvätern klar, dass der Infrastruktur in der Stadt München dringendste Priorität zusteht.

1972 bis 1988: Die kurze Laufzeit des Bahnhof München Olympiastadion

Neben dem Bau der U-Bahn forcierte man in München auch den Ausbau der S-Bahn weiter. Ziel war es, die zu erwartenden Zuschauerfluten zu den Austragungsorten der Olympischen Spiele möglichst schnell und komfortabel hin und auch wieder weg zu bringen. Genau für jenen Zweck baute die Stadt den Bahnhof München Olympiastadion. Seine offizielle Eröffnung fand am 26. Mai 1972 zum Fußball-Länderspiel zwischen der BRD und der damaligen Sowjetunion statt. Während der Olympischen Spiele im September 1972 hielten dort die Linien S5, S11 und S25 und sie hatten alle Wagons voll zu tun.

Bereits kurz nach der Olympiade 1972 stand der Bahnhof München Olympiastadion im Abseits des regulären S-Bahnnetzes. Er diente lediglich noch bei besonderen Massenveranstaltungen am Olympiagelände und vor allem bei Fußballspielen dazu, die Fans zu empfangen und wieder zu verabschieden. Den Personentransport erledigten die Linien S8 und S11. Bis Ende der 1980er fristete der olympische S-Bahnhof gewissermaßen ein Reservistendasein und es hätte weiter wohl auch niemanden gestört. Doch eines Tages kam es zu einem tödlichen Unfall, als ein Kind beim Klettern auf einen ruhenden Zugwagon mit der Hochspannungsleitung in Berührung kam – dies war das faktische Ende des Bahnhofs München Olympiastadion. Ein letztes Mal durfte er zur Fußball Europameisterschaft 1988 seine Zweckmäßigkeit unter Beweis stellen, doch am 8. Juli 1988 drehten ihm die Verantwortlichen im wahrsten Sinne des Wortes den Saft ab. Seine Ära dauerte gerade mal 16 Jahre an.

Der Geisterbahnhof München als Mekka für visuelle Künstler

Seit dem Sommer 1988 ist der Bahnhof München Olympiastadion also dem Verfall preisgegeben. Sämtliche Gerätschaften wurden demontiert, die Stromleitungen gekappt und halbherzige Absperrgitter im ehemaligen Eingangsbereich wollen signalisieren, das es hier an diesem verlassenen Platz nichts mehr zu sehen gibt. Für den Eingangsbereich mag das auch stimmen, doch unten im Tunnel- und Schienenbereich wird aus dem öden verlassenen Ort ein Lost Place – der Begriff für kultige verlassene Plätze, deren Seele trotz des Verfalls irgendwie weiterlebt. Denn im unteren Bereich blüht der tote Bahnhof richtiggehend auf. Seine Bahnsteige sind überwuchert von allerlei Gestrüpp, Unkraut und sogar Kräutern, im halboffenen Tunnel verhelfen außerdem Sprayer und Graffiti-Künstler der Ruine zu neuem Leben.

Und es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Fotograf das Gelände aufsucht, sei es um den aktuellen Stand des Verfalls sowie der Graffiti-Kunst zu dokumentieren oder den alten Bahnhof einfach als Kulisse für ein Foto-Shooting zu verwenden. Oder man verbindet beides miteinander, wie ich kürzlich mit meinem werten Kollegen und Fotografen Michael Eichhammer. Das Wetter war zwar bis auf wenige kleine Lichtblicke mausgrau und die eisige Kälte fuhr uns von oben bis unten ins Gebein. Trotzdem harten wir über zwei Stunden aus, um zu fotografieren, aber auch um die Seele und die Magie dieses Ortes ein wenig aufzusaugen. Denn hey, dies war einmal der Dreh- und Angelpunkt für die Besucher der XX. Olympischen Spiele 1972, ein bisserl Ehrfurcht darf man hier schon an den Tag legen. Und bestimmt hat uns dieser Geisterbahnhof nicht zum letzten Mal gesehen… das nächste Shooting ist dann aber mit Sicherheit zu einer wärmeren Jahreszeit! Ein paar Impressionen vom Bahnhof München Olympiastadion und dem launischen Foto-Shooting unter dem Motto „Fotografen fotografieren Fotografen“ seht Ihr hier in den Bildergalerien.

© Andy Ilmberger

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